SOKRATISCHE BERATUNG
Der Mensch ist, was sein Denken betrifft, von Natur aus alleine nicht viel wert. All sein Wissen, Meinen und Denken bildet sich erst im sprachlichen Umgang mit anderen Menschen heraus. Daher auch die außerordentliche Bedeutung des Dialogs für die Pädagogik.
Aber nicht nur in Kindheit und Jugend, während des gesamten Lebens bleibt der Mensch auf den gedanklichen Austausch mit anderen Menschen angewiesen. Dies mag mehrere Gründe haben. Ein wesentlicher Grund, der hier vor allem Beachtung finden soll, ist der, dass der Mensch trotz aller Bildung, Ausbildung und Übung zeit seines Lebens auf den gedanklichen Austausch mit anderen Menschen angewiesen ist, um sich in seinem Denken nicht zu verrennen. "Es irrt der Mensch, solang' er lebt", lässt Goethe Gott in seinem Faust I (Z.317) sagen, und damit ist, sollte dies selbst wiederum nicht auch ein Irrtum sein, gewiss ein zutreffendes Wort gesprochen. Um die Folgen dieses Dilemma möglichst gering zu halten, reden wir mit anderen Menschen. In entscheidenden Fragen holen wir den Rat der Angehörigen, der Freunde, der Verwandten oder anderer vertrauenswürdigen oder sachkundigen Menschen ein.
In einigen Fällen suchen wir im Rat sicherlich nur eine schlichte Antwort, vielleicht einen Hinweis oder ein Rezept, wie das eine oder andere zu bewerkstelligen ist. Bsp.: Wo muss ich meinem Rechner welchen Befehl geben, damit ... ? In anderen Fällen, besonders wenn sie das eigene Leben betreffen, wird uns eine Antwort als Ratschlag nicht genügen. Wir wollen auch eine Begründung dieser Antwort, um prüfen oder verstehen zu können, ob und wieso die Antwort für uns angemessen oder richtig sein kann. Denn nur die selbst verstandene Lösung einer Aufgabe kann eine wirkliche Lösung sein.
Dann gibt es im Leben aber auch Fragen, auf die wir von anderen Menschen gar keine Antwort erwarten können und tatsächlich auch nicht erwarten. Dies sind Fragen in denen der Entscheidende entscheidend Verantwortung für seine Entscheidung tragen muss. Das Wort Verantwortung weist bereits darauf hin, dass der Entscheidende für seine Antwort auf eine Frage oder ein Problem nicht nur eine Antwort parat haben muss; er muss die Antwort auch begründen und dadurch erklären können; er muss sich eben ver-antworten können.
Auch in einer solchen Situation, und obwohl der Verantwortungsträger für seine Entscheidung nur alleine gerade stehen kann und muss, wird der vor einer Entscheidung stehende Mensch sich mit anderen Menschen zu beraten versuchen. Und dabei geht es dann nicht darum, eine Antwort zu finden, weil man vielleicht keine Antwort oder Antworten hätte. Es geht oft auch nicht darum, vielleicht noch eine bessere Antwort zu finden, weil vielleicht gar niemand, aufgrund mangelnder Sachkompetenz überhaupt eine sachlich begründete Antwort geben könnte. In diesen Fällen geht es "nur" darum, die eigene Antwort, die eigene Entscheidung mit anderen kompetenten Menschen gemeinsam zu überprüfen um so möglicherweise Fehler oder Unzulänglichkeiten, blinde Flecken im eigenen Denken finden und ausmerzen zu können.
Das in Anführungszeichen gesetzte "nur" im vorigen Satz weist bereits auf die Bedeutung dieser Ratsuche und die Bedeutung dieser Beratungskompetenz hin. Denn die Fragen, die nur auf diese Weise verhandelt werden können, sind meistens keine Fragen des oberflächlichen Alltags, sondern Fragen schwerwiegender Lebensentscheidungen oder tiefgreifenden weltlichen Handelns. Und je tiefgreifender und entscheidender diese Fragen sind, desto wichtiger ist es, möglichst alle Möglichkeiten einer Fehlentscheidung zu umgehen, desto größer ist auch die Bedeutung dieser Art von Beratung. Mit dem Gewicht der Aufgabe wächst auch die Verantwortung des Beraters und der Anspruch an seine Kompetenz. Und natürlich wäre es widersinnig, sich in den entscheidensten Fragen mit einer geringeren als der Aufgabe angemessenen Beratungsleistung zufrieden zu geben.
Beratung in entscheidenden Fällen zeigt sich also nicht im Geben einer Antwort, auch nicht im Geben einer begründbaren und erklärbaren Antwort, sondern im prüfenden Nachvollzug des bereits Gedachten und Erdachten und der kritisch begleitenden Eröffnung neuer, d.h. bislang nicht erkannter Perspektiven.
Hier, wo es ganz und ganz allein um das Menschliche Denken geht, zeigt die Sokratik ihre Leistung und Wirkung, die sie über die Jahrtausende am Leben erhielt.
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