SOKRATIK                                                 Das Gute

Die Erkenntnis des Guten

Das Ziel der Sokratisch-Platonischen Philosophie, so wurde bereits gesagt, ist die Erkenntnis des Guten. Aber was soll dieses Gute sein? Was soll man sich unter diesem Guten vorstellen können? – Reichtum? Einen Gott? Die europäische Vernunft? Einen guten Geist? - Die Wirkungen des Guten sind leicht beschrieben: Das Gute ist das, was das menschliche Leben fördert und erhält (Platon, Politeia 505a2, 505a7). Hierdurch zeigt sich das Gute. Was aber ist das Gute selbst?

Das Gute (selbst) ist der Maßstab für die Erkenntnis der guten Dinge, der guten Gedanken, Handlungen und Taten. Wer die Erkenntnis des Guten gewonnen hat, so vertritt die Sokratisch-Platonische Philosophie, sollte beurteilen können, was im Hinblick auf den menschlichen Nutzen, die Förderung des menschlichen Daseins, gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Wieder liegt der Vergleich zur Mathematik nahe. Auch hier gibt es einen Maßstab des Richtigen, das Richtige selbst, die mathematische Logik. Wer sie erkannt hat und beherrscht, kann prüfen, ob eine Rechnung richtig oder falsch durchgeführt wurde, ob das Ergebnis "gut" oder "schlecht" ist. Das Sokratische Denken ist im Prinzip nichts anderes; lediglich die Prämissen sind andere.

Die Sokratische Beurteilung eines Gedankens oder einer Wertung erfolgt nicht dogmatisch oder anhand eines Gesetzes, sondern durch ein jeweiliges erneutes konsequentes Durchdenken der individuellen Prämissen und ihrer Schlüsse in der jeweils gegebenen Situation. Das fragende Denken selbst, die Dialogik, ist hierbei die letzte, nicht hintergehbare Instanz. Wenn überhaupt irgend etwas, so kann, aus Sokratischer Sichtweise, nur ein richtiges Denken zum richtigen Ergebnis führen. Denn Gefühle oder Intuitionen allein sind in entscheidenden Fragen nicht zuverlässig genug. Das heißt nun nicht, dass Gefühle und Intuitionen verdrängt oder missachtet werden sollen. Im Gegenteil, sie sind ein wesentlicher kreativer Quell des Menschen und sollten daher als Anregung zum Nachdenken herangezogen werden. Aber sie sollen eben hinterfragt und nicht ungeprüft schon selbst als wahre und verlässliche Erkenntnis angenommen werden.

Das Gute und die Erkenntnis des Guten zeigen sich in der Fähigkeit, richtig zu denken, sich richtig mit anderen sinnentfaltend zu unterreden, die Prüfung eigener und fremder Meinungen mittels der Sokratischen Dialogik durchführen zu können. Die Dialogik ist dabei das Gute und gleichermaßen die Erkenntnis oder Wissenschaft (episteme) des Guten, soweit der Mensch am Guten selbst Anteil haben kann.

Und wie funktioniert diese Dialogik? - Wir finden sie komprimiert nachgezeichnet in Platons Sokratischen Dialogen. Hier kann man selbst erleben, wovon in theoretischen Betrachtungen des Guten die Rede ist. Und anhand der Sokratischen Dialoge Platons lässt sich die Dialogik auch erlernen. Dass dieses Lernen mühsam sein kann und dass die Sokratischen Dialoge Platons nicht immer leicht zu durchschauen sind, trifft zu. Doch ist dies weder ein Argument gegen die Machbarkeit noch gegen die Nützlichkeit, sich der Sokratischen Dialogik anzunähern.


 

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