SOKRATIK                                                Merkmale

Die Besonderheit der Sokratik

Wie alle anderen Wissenschaften baut auch die Sokratik, die Sokratische Dialogik, auf den Grundsätzen der klassischen Logik auf. Im Unterschied zu vielen unserer heutigen universitären Geisteswissenschaften oder pädagogischen Entwicklungsverfahren nimmt es die Sokratische Dialogik mit der Anwendung der Logik jedoch sehr genau. Denn "durch Logik", "dia logos", im "Dialog" des Denkens gelangen wir zur Erkenntnis. Der entscheidende Unterschied der Sokratik zu wahrscheinlich allen anderen Wissenschaften und unterstützenden Dienstleistungen liegt aber in dem auf besondere Weise veränderten wertorientierten Bezug des denkenden und sprechenden, damit "Logos verwirklichenden" Menschen zu sich selbst.

Sokrates beschreibt diesen veränderten Selbstbezug, den Schritt zur Selbstreflexion, in seiner Erklärung des Höhlengleichnisses (Platon, Politeia 517b - 535a) als eine "Umwendung der gesamten Seele" (Platon, Politeia 518b7) bzw. ein Emporheben des "in barbarischem Schlamm vergrabenen Auges der Seele" (Platon, Politeia 533d). Was ist hiermit gemeint? - Der Mensch kann lernend erkennen, dass das, was er selbst für die Wirklichkeit hält, vielleicht zwar "seine momentane Wirklichkeit" ist, wenn man es begriffstolerant einmal so nennen möchte, dass dies aber noch lange nicht die wirkliche Wirklichkeit sein muss. Der Mensch kann lernend erkennen, dass das, was er annimmt, was er für wahr hält, vor allem erst einmal seine eigene, subjektive Interpretation der eigenen Wahrnehmungen von "Welt "und "Wirklichkeit" ist.

Dieser Selbstbezug ist das größte Problem und die größte Schwierigkeit; - nicht der Sokratik, aber des Menschen, der zu einem selbstreflexiven, klärenden Denken gelangen will. Denn ein Selbstbezug lässt sich nicht durch Lernen wie ein Fach- oder Faktenwissen einfach aufbauen oder verändern. Schließlich trifft der auf Werten aufgebaute Selbstbezug den Nerv menschlicher Identität. Jedoch: Ohne diesen veränderten Selbstbezug, ohne dieses veränderte Selbstbewusstsein wird sich ein klärendes Denken nicht verwirklichen lassen. Hierin ist auch der tiefere Sinn der antiken Inschrift "Erkenne dich selbst!", mit der jeder Besucher des Apollon-Tempels zu Delphi empfangen wurde, zu erkennen.
Die Basis des veränderten Selbstverhältnisses besteht darin, zu erkennen, dass all unser großartiges "Wissen" von der Welt und von uns selbst, solange es noch ungeprüft ist, nur bloße Meinung ist. Erst die Wissensprüfung, die Prüfung des als gut und richtig Erachteten, kann erkenntlich werden lassen, ob wir uns auf einem fruchtbaren, vielleicht richtigen Weg oder auf dem viel zitierten Holzweg befinden, ob unser Meinen, Denken, Reden und Handeln Nutzen bringen kann oder ob es durch Irrtum Schaden oder zumindest Nutzlosigkeit und Unbrauchbarkeit mit sich bringt. Nicht die eigene vorgefertigte Meinung, sondern nur die Wissensprüfung kann darüber entscheiden, ob das, was wir für ein Wissen halten, auch tatsächlich a) ein wirkliches Wissen und b) ein gutes Wissen, das auch einen Nutzen mit sich bringen kann, ist.
Damit nimmt die Wissensprüfung einen entscheidenden Stellenwert, den entscheidenden Stellenwert im Sokratischen Denken ein. Die Wissensprüfung ist der Prüfstein nicht nur des richtigen Wissens, sondern auch des richtigen Selbstverhältnisses und damit der Möglichkeit des gelungenen, selbstbestimmten Lebens in Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung.

Dies sind freilich hohe Worte, die man ungeprüft besser niemandem glauben sollte. (... schon wieder zeigt sich die Wissensprüfung als letztes, entscheidendes Kriterium). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Sokrates ein Leben ohne die Wissensprüfung, ohne die Prüfung eigenen und fremden Wissens im philosophischen Gespräch als nicht lebenswert erachtete. Angesichts eines solchen Lebens, das er frei hätte wählen können, zog er den Tod als ein "nicht unter solchen Umständen leben müssen "vor (Platon, Apologie 38a).


 

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