Was ist, will und kann die Sokratik?
Sokratische Philosophie, wie sie uns durch Platon überliefert ist, ist die wertorientierte Reflexion des Meinens und Denkens; vor allem: die wertorientierte Reflexion des eigenen Meinens und Denkens. Wertorientiert heißt hierbei, dass nicht irgend eine Meinung oder irgend ein Gedachtes reflektiert wird, sondern gezielt das, was im Denken als ein Gut oder ein Gutes, also als gut, richtig oder wertvoll angenommen oder unterstellt wird. Da das Denken bereits die Reflexion von einem Etwas ist, kann man, da jetzt das Denken selbst zum Gegenstand der Untersuchung wird, von einer Metareflexion sprechen. Das normale Denken, die Reflexion auf eine Sache heißt Verstand. Die wertorientierte Reflexion des Verstandesdenkens, die Metareflexion, die das Sokratische Denken auszeichnet, heißt Vernunft. Dieses Vernunftdenken ist das Kennzeichnende der Sokratik.
Oder einfacher gesagt: Sokratische Philosophie überprüft die Interpretationen (das Wissen, Meinen und Glauben) des Menschen von sich selbst und seinen Lebens-Gegebenheiten. Es geht darum, unsere Meinung von dem, was wir als gut, richtig gerecht oder wertvoll erachten, nicht als unabdingbar Richtiges und Gegebenes hinzunehmen, sondern zu prüfen, ob das auch stimmt, was wir meinen oder zu wissen glauben. Das oberste Ziel der Sokratischen Philosophie ist die Erkenntnis des wirklich Guten und Richtigen. Der Weg zu diesem Ziel führt über die Erkenntnis und Prüfung der Prämissen des eigenen Meinens und Denkens, die Selbsterkenntnis. Mit Meinen und Denken ist hierbei jeder prinzipiell dem Bewusstsein zugängliche innerpsychische Vorgang gemeint, der uns zu einem Erkennen, Bewerten, Sagen, Verhalten und Handeln führt oder führen kann; kurz: das dem Bewusstsein zugängliche Seelenleben des Menschen. Der Mensch, jeder Mensch, kann sich irren. Er irrt sich dann, wenn er sich auf eine fehlerhafte Meinung, die er für ein sicheres Wissen hält, verlässt. Damit verliert er den Bezug zur Realität. Er entfremdet sich von der Realität und, durch den verunsicherten Realitätsbezug, auch von sich selbst.
Der Nutzen der Sokratik in ihrer Anwendung besteht darin, einen Menschen durch gezieltes Fragen und gemeinsames Durchdenken, durch die Sokratische Dialogik, aus dieser Entfremdung, die immer auch eine Selbstentfremdung ist, zurückführen zu können zur Erkenntnis des Seienden, des Wirklichen und Verlässlichen und zur Selbsterkenntnis. Mit hinreichender Übung gelangt man dann dazu, zwischen Seiendem und Scheinendem, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. Man lernt in der Metareflexion sein Meinen und Denken zu prüfen und ein verlässliches Denken, das den Irrtum frühzeitig erkennen und positive Perspektiven eröffnen kann, zu entwickeln und auszubauen.
Dieser Aufstieg des Menschen aus der Verlorenheit und Selbstentfremdung zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung wird von Platon in seinem Höhlengleichnis mit dem Aufstieg aus der Gefangenschaft in einer dämmrigen Höhle zur Freiheit im Licht des hellen Tages verglichen (Platon, Politeia 514a ff).
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